Moral und Ethik

 


Jeder Paradigmenwechsel erzwingt eine tiefgreifende Veränderung der traditionellen Moral- und Wertvorstellungen. Diesen Veränderungen gehen zwangsläufig massive Unruhen voraus.

Jugendliche, Intellektuelle und Avantgardisten spielen bei diesen Umwälzungsprozessen die entscheidende  Vorreiterrolle. Sie stellen mit ihren kritischen Denkansätzen die geltenden Werteordnungen in Frage. Traditionalisten und konservative Kräfte wehren sich im Gegenzug vehement gegen jeden Versuch, das gängige Weltbild zu zerstören. Harte Konflikte sind die unausweichliche Folge.

In Regionen mit überwiegend muslimischer Bevölkerung kämpfen derzeit Islamisten um den Erhalt ihrer traditionellen und fundamentalistischen Gesellschaftsordnung, während Jugendliche und Frauen sich für eine stärkere individualistische Ausrichtung der Gesellschaft einsetzen.

In ähnlicher Weise fordern die Wutbürger, die Okkupisten und Netzaktivisten des Westens immer stärker die Traditionalisten der Ellenbogengesellschaft heraus. Ihre Proteste artikulieren eine tiefe Unzufriedenheit mit den bisherigen Wertvorstellungen ohne jedoch konkrete mehrheitsfähige Alternativen oder Gegenentwürfe anbieten zu können.

Hier nun sind wir kultivierten Individualisten gefragt. Ein Zurück in den Schoß von Überlebensgemeinschaften unter Aufgabe der eigenen Souveränität und Selbstbestimmung wie es die Linken und die Rechten einfordern, kommt für uns nicht in Frage. Dagegen wehren wir uns heftig. Wir wehren uns jedoch auch gegen die Übermacht des rücksichtslosen Egomanentums und des Dominanzstrebens.

Wir wollen nicht mehr, sondern weniger Staat. Wir wollen nicht gegängelt und bevormundet werden. Wir möchten uns jedoch auch nicht verarschen und abzocken lassen. Deshalb gehen wir nicht mehr zum Wählen und füllen keinen E10 Sprit in unseren Tank. Unsere Informationen holen wir uns aus unabhängigen Quellen. Das Denken übernehmen wir selber. Wir sind kritisch und anspruchsvoll. Wer uns als Freund(in) oder Partner(in) will, muss etwas bieten.

Wir sind jedoch auch bereit, freiwillig auf so manches zu verzichten. Wir folgen nicht mehr kritiklos jedem Trend, nehmen öfters mal das Fahrrad, achten auf unsere Ernährung und meiden Zicken, Machos, Dampfplauderer und niveaulose Selbstdarsteller wo immer es geht.

Wir fühlen uns als Gewinner des Individualisierungsprozesses. Diesen Status sehen wir aus mehreren Gründen in Gefahr. Deshalb ist es an der Zeit, gegen die Moral und Ethik derjenigen, die uns versklaven wollen, genauso aufzubegehren, wie gegen den ungeschriebenen Kodex der raffgierigen Ellenbogengesellschaft.

Wir haben unsere eigenen Vorstellungen von Richtig und Falsch, von Sitte und Anstand. Diese Vorstellungen wurden nicht etwa aus der Lostrommel gezogen, sondern lassen sich logisch und folgerichtig aus dem Vergleich mit den Normen und Standards der Clan- und Sippengesellschaft, sowie der Ellenbogengesellschaft ableiten. 

 

 

Wolfgang Baumbast