Unterschiedliche Paradigmen:


Gegenwärtig konkurrieren mehrere Gesellschaftssysteme um eine Vormachtstellung im Wettbewerb der Kulturen. 

Im Zeitalter des Internets, der Aufklärung und der Globalisierung können wir Menschen erstmals zwischen mehreren Systemen wählen. Welches Gesellschaftssystem gefällt mir besser? Welche Form der Kultur, der Moral und Ethik sagt mir am meisten zu?

Als Anhänger des kultivierten Individualismus stellen wir uns dem Wettbewerb und werben für unsere Vorstellung eines Lebens in Freiheit, Selbstbestimmung und Fairness. 

Wir scheuen den Vergleich mit anderen Systemen nicht und stellen an dieser Stelle unsere Wertvorstellungen und Paradigmen denen anderer Kulturkreise und Ideologien gegenüber:

 

 

Paradigmen kollektivistischer Gesellschaftssysteme:


Lange bevor ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung möglich war, lebte der Mensch als abhängiges Individuum im Schutze einer Überlebensgemeinschaft. Das Individuum war davon abhängig, Teil einer Familie, eines Clans, einer Sippe oder eines Kollektivs zu sein. Nur in der Gruppe war ein Überleben überhaupt möglich. 

Dies prägte die Moral und Ethik dieser Epoche. Der Erhalt und der Bestand der Überlebensgemeinschaft wurde zum beherrschenden Paradigma erklärt.

Diesem Paradigma musste sich das Individuum unterordnen. Der Mensch gehörte nicht sich selbst, sondern seiner Familie, seiner Sippe, der Glaubensgemeinschaft oder dem Regenten.

Der Einzelne war nichts, die Gruppe, das Kollektiv war alles. Notfalls musste sich das Individuum für die Gruppe opfern.

In sämtlichen absolutistisch regierten Ländern, aber auch in Regionen, in denen der Islam als höchste moralische Instanz gilt, hat dieses Paradigma heute noch Vorrang vor allen anderen Wertvorstellungen. 

Wie die Revolutionen in Tunesien, in Ägypten und zuletzt in Libyen jedoch zeigen, hat der Globalisierungsprozess bei der dortigen Bevölkerung ebenfalls die Sehnsucht nach einem freiheitlichen und selbstbestimmten Leben geweckt. 

Die Sehnsucht nach einer Abkehr von einengenden Sippen- und Clanstrukturen, hin zu einem individualistischen und selbstbestimmten Leben wird sich immer mehr verstärken. Doch dazu ist ein (erster) Paradigmenwechsel erforderlich: Nicht mehr die Familie, die Gruppe, der Staat oder das Kollektiv darf mehr im Mittelpunkt der Betrachtungen liegen, sondern der einzelne Mensch muss an deren Stelle treten. 

Paradigmen der unkultivierten Individualgesellschaft:


 

In Europa hat dieser Paradigmenwechsel bereits stattgefunden. Mit Beginn der Aufklärung rückte der einzelne Mensch in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Ein individua- listisches, freiheitliches und selbstbestimmtes Leben wurde zum Ideal erhoben.

Die wichtigste Voraussetzung um ein möglichst freies und unabhängiges Leben führen zu können, war und ist Geld. Deshalb wurde das Streben nach Macht und Geld zum beherrschenden Thema. Je mehr Macht und Geld, umso höher der Freiheits- und Individualisierungsgrad, so lautete die Gleichung.

Der unkultivierte Individualist lebt seither unter dem Zwang, seinen Lebensunterhalt möglichst selbst zu verdienen, um ja nicht mehr von einer Überlebensgemeinschaft abhängig sein zu müssen. 

Hinzu kommt die Aufgabe, das eigene Ich, das eigene Ego so weit zu stabilisieren, damit es eine eigene, emanzipierte und autarke Persönlichkeit entwickeln kann. Dieser Aufgabe sind nicht alle Menschen gleichermaßen gewachsen. Es gibt daher Gewinner und Verlierer.

Der Individualisierungsprozess wird maßgeblich von der entfesselten Freisetzung unserer narzisstischen Triebkräfte vorangetrieben und befeuert. Die narzisstischen Triebkräfte werden von den Gruppen und Familien abgezogen und ausschließlich zur eigenen Selbstverwirklichung genutzt. Dies führt dazu, dass Zusammenhalt und Solidarität schwinden und Gruppen und Familien auseinanderfallen.

Die Paradigmen der unkultivierten Individualgesellschaft lauten somit: Je mehr Geld ich verdiene, um so freier und unabhängiger kann ich mein Leben gestalten. Je ungehemmter ich meinen Drang zur Selbstverwirklichung und zur Selbstdarstellung auslebe, um so besser fühle ich mich.

Diese beiden Paradigmen sind im wesentlichen verantwortlich für die aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen. Ein weiterer (zweiter) Paradigmenwechsel muss also her.

Paradigmen der kultivierten Individualgesellschaft:


 

Ohne dass es bisher registriert wurde, findet ein solcher Paradigmenwechsel bei etlichen Menschen derzeit statt. Sie haben erkannt, dass die Gier nach Geld und Macht unsere Gesellschaft genauso in den Abgrund reißt, wie der exzessive Drang nach rücksichtsloser Selbstverwirklichung. 

Das ist es, was die Menschen auf die Straßen und Plätze treibt. Sie fordern eine Abkehr von den Paradigmen der Clan- und Sippenkultur aber auch von denen der Ellenbogengesellschaft und der narzisstischen Selbstverwirklichungsapostel.
 
Die "Jeder gegen Jeden-Mentalität" kennt nur wenige Gewinner und viele Verlierer. Das wird als ungerecht und als unsozial empfunden. Dies ist der Grund, weshalb wir kultivierten Individualisten uns für mehr Selbstverantwortung, für Nachhaltigkeit und Kooperation einsetzen und Win-Win-Situationen anstreben. 

Unsere narzisstische Triebenergie wird nicht mehr nur ausschließlich der eigenen Selbstverwirklichung zugeführt. Ein Teil wird wieder in Gruppen, in Netzwerke, in gemeinsame Projekte und vor allem wieder in die Familie eingespeist. 

Die Paradigmen der kultivierten Individualgesellschaft lauten: kooperieren anstatt konkurrieren, überzeugen anstatt übertrumpfen, vernetzen anstatt vernichten, nachhaltig wirtschaften anstatt sinnlos verbrauchen.



 

 

Wolfgang Baumbast