Wir wollen aus möglichst vielen Individualisierungsverlierern Gewinner machen.

 

Der durch einen Paradigmenwechsel gekennzeichnete Übergang von einem Gesellschaftssystem zum anderen erfolgt nicht reibungslos. Ein solcher Prozess dauert oft mehrere Generationen an. Zudem läuft er weltweit nicht parallel, sondern zeitlich versetzt ab. Dies hat zur Folge, dass wir unablässig mit Menschen konfrontiert werden, deren Lebensumstände sich von den unseren unterscheiden und die sich an gänzlich anderen Moralvorstellungen orientieren als wir.

 

Wenn in Somalia kleine Mädchen beschnitten werden, dann ist dies in den Augen der dortigen Stammesgemeinschaft kein Verbrechen, in unseren Augen schon.

 

Ein Ehrenmord in Afghanistan dient der Prämisse, dass alle Mitglieder des Clans zusammenhalten müssen und die Ehre der Familie nicht beschmutzt werden darf. Jedes Abweichlertum schwächt die Überlebensgemeinschaft und kann nicht akzeptiert werden. Als fortschrittliche Individualisten sind wir darüber entsetzt und empören uns zurecht.

 

Wenn die Manager eines Konzerns trotz Milliardengewinnen tausende Mitarbeiter entlassen, um die Profitmarge zu erhöhen, dann machen sie in den Augen der Aktionäre und Anleger alles richtig. Trotzdem bezeichnen wir als kultivierte Individualisten solche Aktionen als unmoralisch.

 

Wir sehen also, es existieren mehrere unterschiedliche Moralvorstellungen nebeneinander her. In Ländern wie Deutschland herrscht ein bunter Mix vor:

 

Da gibt es die arabischen Großfamilien in Berlin oder in Köln, die noch nach den traditionellen archaischen Mustern der Stammeskulturen ticken. Von Individualisierung weit und breit keine Spur. Im Gegenteil: Es gibt ernst zu nehmende islamistische Kreise, die auch in Deutschland die Individualkultur verteufeln und ein kollektivistisches Gesellschaftssystem nach muslimischem Muster errichten wollen. Anstatt sich zu emanzipieren und zu individualisieren verweigern sie den Paradigmenwechsel und bleiben ihren traditionellen Moralvorstellungen treu. Das ist auch der Grund, weshalb sämtliche Integrationsbemühungen in diesen Kreisen scheitern. Migranten mit muslimischem Hintergrund tun sich offenbar besonders schwer, den erforderlichen Paradigmenwechsel zu vollziehen. Ohne einen solchen gelingt jedoch die Integration in eine Individualkultur nicht.

 

In Deutschland gibt es darüber hinaus starke linksgerichtete Kräfte, die im Individualisierungsprozess eine Fehlentwicklung sehen. Ihrer Meinung nach führt ein individualistisches Gesellschaftssystem über kurz oder lang ins Chaos. Deshalb ist es in ihren Augen erforderlich, eine starke Staatsgewalt zu etablieren und diese mit den notwendigen rechtlichen und finanziellen Mitteln auszustatten, um für alle Staatsbürger gleiche Lebensverhältnisse zu schaffen. Dieses Modell wird von den Individualisierungsskeptikern als "demokratischer Sozialismus" bezeichnet. Sollte es sich durchsetzen, dann wäre es mit unserer persönlichen Freiheit und einem selbst bestimmten Leben rasch zu Ende.

 

Die Konzern- und Unternehmensstrukturen in Deutschland haben Gott sei Dank eine etwas andere Entwicklungslinie genommen als die Firmen in den USA oder in Großbritannien. Die deutschen Unternehmer und Manager haben sich über lange Zeit an den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft orientiert. Die Thesen der Sozialen Marktwirtschaft kommen unseren Vorstellungen einer kultivierten Individualgesellschaft schon ziemlich nahe. Dennoch hat sich auch in Deutschland der Raubtier- und Turbokapitalismus breit gemacht.

 

Die Grundsätze der Sozialen Marktwirtschaft wurden in den letzten Jahren stark aufgeweicht und immer weniger beherzigt. Zum einen sind vermehrt planwirtschaftliche und damit kollektivistische Unternehmensstrategien eingeführt und politisch durchgedrückt worden. Zum anderen haben dort, wo ursprünglich Planwirtschaft und Kollektivismus geherrscht haben, die Methoden der Ellenbogengesellschaft und des Raubtierkapitalismus Einzug gehalten. Nämlich bei den ehemals staatlichen Betrieben der Post und der Bahn.

 

Das hat wiederum die Wutbürger in Stuttgart gegen das Projekt Stuttgart 21 auf die Straßen getrieben. In Frankfurt und in Berlin haben sich Aktivisten der weltweiten Occupy-Bewegung angeschlossen. Sie protestieren mit ihren Besetzungen gegen den Turbokapitalismus der Bankenszene.

 

Wir sehen also, in Deutschland gibt es einen kunterbunten Mix unterschiedlicher moralischer Konzepte.

 

Die stärkste Glaubensgemeinschaft Deutschlands ist die der Narzissten. Sie sind sich selbst der eigene Mittelpunkt um den sich alles dreht. Der Wunsch sich zu verwirklichen und vor sich und anderen in einem besonders guten Licht dastehen zu wollen, ist der große Trend unserer Zeit. Diesem Trend können sich auf Dauer weder die Islamisten noch die Linken widersetzen. Zu stark sind die narzisstischen Triebkräfte, die hier am Wirken sind.

 

Allerdings bleiben Gemeinsinn und Solidarität dabei auf der Strecke. Leid Tragende sind diejenigen, die sich nicht alleine behaupten können, denen das notwendige Rüstzeug fehlt, um sich in einer Individualgesellschaft selbst zu organisieren und zu strukturieren.

 

 Sie haben sich diese Situation ja nicht freiwillig herausgesucht. Eine Clangesellschaft oder ein demokratischer Sozialismus wäre ihnen lieber als dieses Übermaß an Freiheit, das zwar jeder für sich nutzt, mit dem sie selber jedoch überhaupt nichts anfangen können.

 

Der Individualisierungsprozess hat viele Gewinner hervorgebracht, aber leider auch noch zu viele Verlierer. Es ist daher das besondere Anliegen der kultivierten Individualisten aus möglichst vielen Individualisierungsverlierern Gewinner zu machen.

 

Als kultivierte Individualisten wissen wir, dass ein ausreichendes Maß an Gesundheit, eigenem Einkommen, Bildung, emotionaler Intelligenz, sozialer Kompetenz sowie einer gesunden Weltanschauung notwendig ist, um einen hohen Freiheits- und Individualisierungsgrad zu erreichen.

 


 

 

 

Wir möchten unser Wissen und unsere Erfahrung nicht wie die Ellenbogengeneration für uns behalten, sondern es gerne teilen und weiter geben. An all jene, denen es noch an den notwendigen Fähigkeiten und Kompetenzen mangelt.

 

 

 

 Wolfgang Baumbast